Mein persönlicher Gebrauchtboot Vergleich >11m

Über 11m Länge: Spirit 36&37, Breehorn 37, Winner 11.20

Hier beginnt der Luxus: In dieser Klasse sind keine Kompromisse mehr zwischen Kojenanzahl und Stauraum erforderlich. Es gibt beides in ausreichender Menge. Näher angesehen habe ich mir die Breehorn 37, Winner 11.20 und die Spirit 36&37. Letztere habe ich schlußendlich gekauft.

„She’s a bitch in the harbour and an angel at sea“, so charakterisierte der Eigner seine Breehorn 37, die wir eine Woche zum Testsegeln gechartert hatten. Er sollte Recht behalten, auch weil das betreffende Boot einen leichten Getriebeschaden hatte und man nie sicher sein konnte, ob das gewünschte Aufstopp- oder Beschleunigungsmanöver auch wie beabsichtigt stattfinden würde. Ein deutlicher Radeffekt und ein vergleichbar großer Drehradius tun ein Übriges. Wer eine Breehorn 37 kauft, sollte sich für den Start ein paar Tage Hafenmanöver Training reservieren. Nachdem wir Drehkreis und Radeffekt im Gefühl hatten, ließ sich das Boot sehr gut manövrieren.

Unter Segeln liegt das Boot hervorragend in der Welle und läßt sich gut ausbalanciert geradeaus steuern. Es setzt weich ein und entwickelt kaum Ruderdruck. Eine ideale Langfahrtkonstruktion. Der Traveller sitzt auf dem Brückendeck, das gibt zusätzliche Sicherheit bei einsteigenden Seen, versperrt aber den Weg zum Niedergang, der wiederum unter einer recht niedrigen Sprayhood sitzt. Wer hier regelmäßig rauf und runter klettert, braucht intakte Gelenke und Sehnen.

Unter Deck erwartet uns eine klassische Aufteilung mit Achter- und Bugkabine, Längskojen im Salon, sowie Navigation, Pantry und Naßzelle im Heck. Teilweise haben Eigner auch noch eine kleine zweite Naßzelle an Stelle des Schrankraumes vor die Bugkabine gesetzt. Alles unter Deck ist großräumig dimensioniert, es gibt viel Schrankplatz in einem hochwertigen Holzausbau. Zu kritisieren hätte ich nur die relativ geringe Kopffreiheit über der Achterkoje auf der Innenseite und dass in manchen Versionen die Toilettenschüssel in eine Einbuchtung unterhalb des Cockpits gesetzt wurde. Stört nicht beim Sitzen, man muß aber zum Hinsetzen und Aufstehen den Kopf einziehen.

Unmodern, aber sehr zweckmäßig ist die Anordnung an Deck: Pantry und Navigation sitzen unter einem niedrigem Kajütaufbau, vor dem Mast ist das Boot ein Flushdecker. Fallen und Reffleinen sind üblicherweise am Mast angeschlagen und die Arbeitsposition durch einen festen Mastkorb gesichert. Das bedeutet, wer Segel setzen, bergen oder reffen will, muß das Cockpit verlassen, findet im Mastkorb aber einen sicheren Stand und durch die wegfallende Umlenkung erheblich weniger Reibung als bei alternativen Anordnungen und spart so deutlich Kraft. Der Segelplan ist ebenfalls klassisch mit einem groß ausfallenden Vorsegeldreick. Viele Boote lassen sich mit einer kleineren Fock am Kutterstag fahren. Eine sinnvolle Anordnung, gerade auf der Kreuz. Bei leichten Winden kommt man aber nicht darum herum die Genua um das Babystag zu ziehen. Ich würde im Zweifelsfall nach einer Version mit Kutterstag suchen oder eines nachrüsten.

Neben der niederländischen (bzw. belgischen) Herkunft ist allen drei vorgestellten Bootstypen gemein, dass sie sowohl mit Pinnen als auch mit Radsteuerung anzutreffen sind. Alle drei Cockpits sind ähnlich ausgestaltet und für die Pinnensteuerung optimiert: Vom Ende der Pinne lassen sich sowohl Genuawinschen als auch Großschot immer gut erreichen. Trotzdem werden geschätzt ca. 2/3 der Boote mit Radsteuerung angeboten. Die Cockpitbänke sind hierfür bei der Winner und der Breehorn verkürzt um Platz für einen Steuerstand zu lassen. Die Spirit begnügt sich mit Einbuchtungen in den Backskistendeckeln. Vom Rad aus läßt sich die Großschot meist nicht direkt und die Genuawinschen nur schwer erreichen. Mit Radsteuerung ist meiner Meinung nach die Winner am handigsten. Bei ihr liegt der Großtraveller kurz vor der Radsteuerung. Spirit und Breehorn fahren den Traveller auf einem Brückendeck vor dem Niedergang.

Die Winner bietet, so meine Überzeugung, auch beim Rigg den besten Kompromiß aus Leistung und Handling. An einem 9/10 Rigg mit leicht gepfeilten Salingen sind Groß- und Vorsegelfläche nahezu paritätisch aufgeteilt. Das bedeutet keine Backstagen, aber gute Trimmmöglichkeiten für das Großsegel und überschaubaren Kraftaufwand an den Genuawinschen. Spirit und Breehorn fahren ein Toprigg, die Breehorn oft mit (wegnehmbaren) Kutterstag und zusätzlichen Backstagen, die Spirit hat zwei paar Vorsegelschienen. Ein Paar lange Schienen außerhalb der Wanten für die Genua und ein kurzes Paar innerhalb für eine High Aspect Fock. Das Spirit Rigg hat weder gepfeilte Salinge, noch doppelte Unterwanten, sondern – trotz Toprigg – Backstagen, die das Pumpen des Mastes auf Amwindkursen verhindern sollen. Ich habe viele Eigner gesehen, die diese Stagen am hinteren Ende der kurzen Genuaschiene fixieren und nicht aktiv fahren. Sie sind dann durchgesetzt, sitzen aber so weit vorne, dass sie das Großsegel nicht stören. Ich selbst fahre die Backstagen aktiv – auch wegen eines wegnehmbaren Kutterstages – und werfe sie nur in der Halse komplett los.

Die Spirit ist das leichteste der hier betrachteten Boote und schon ab drei Windstärken mit der kleineren High Aspect Fock und vollem Groß gut besegelt. Sie läuft dann wegen der innen liegenden Schienen große Höhe und ist sehr handig. Das muß auch mein Voreigner so gesehen haben: Die Genua ist das ältere Segel, weist aber viel weniger Gebrauchsspuren auf als die High Aspect Fock. Wer also eine Spirit kauft, achte auf Vorhandensein und Zustand eines solchen nicht überlappenden Vorsegels.

Was Kiel und Tiefgang angeht, bietet Winner und Breehorn die höchste Performance mit 1,90m Tiefe, dicht gefolgt von der Spirit mit 1,75m im Standard und 1,98m in der Sport Version. Winner und Breehorn werden auch mit Flachkielversionen angeboten, die bei der Breehorn auch häufiger zu finden sind. Ich habe diese Versionen nicht verfolgt, da ich kein Freund des zusätzlichen Gewichtes bin und den Verlust an Leistung fürchte.

Große Unterschiede gibt es im Decksaufbau: Die Winner wird seit jeher mit Schaumkern im Sandwichdeck und Antirutschbelägen gebaut, wobei auch Teakdecks häufig zu finden sind. Das ist sehr durabel und unempfindlich gegen eindringende Feuchtigkeit. Die Spirit 36 hat in der Regel ein GFK Sandwichdeck mit Balsaholzkern und ich habe Boote mit weichen Stellen gesehen und auch Eigner gesprochen, die über Herausforderungen mit ihrem Deck geklagt haben – besonders bei älteren Booten. Die Spirit 37 ist nach Angaben der Werft mit einem Airex Schaumkern versehen, ich hoffe also keine Probleme zu bekommen. Das GFK Deck der Spirit hat eine rauhe GFK Oberfläche ohne Beläge. Die Breehorn wird häufig mit Teakdeck angeboten (ich habe nie etwas anderes gesehen), wie das Deck genau aufgebaut ist, weiß ich leider nicht, bin aber nie auf Boote mit Schäden am Deck gestoßen.

Unter Deck bieten alle Boote mindestens 1,90m Stehhöhe, wobei die Winner wegen des bis ins Vorschiff durchgezogenen Aufbaus das beste Raumgefühl bietet und insgesamt 1-2 cm höher ausfällt als die Spirit. Breehorn Eigner müssen ab Beginn der Salonkojen hier Abstriche machen. Die Kabinen Aufteilung ist bei der Winner klassisch mit Vor- und Achterkabine, ergänzt durch zwei Naßzellen,wobei die achtere häufig als begehbarer Ölzeugschrank und/oder Duschkabine ausgebaut ist. Das gibt es als „Eignerversion 3“ auch bei der Spirit, auf dem Markt zu finden war aber meistens die Standard Ausführung mit doppelten Achterkabinen oder die „Eignerversion 2“ mit großer Achterkabine steuerbord und abgeschlossener Hundekoje, sowie vergrößerter Pantry an backbord. Die „Sirius“ hat eine solche Aufteilung. Mit zwei heranwachsenden Teenagern war der zusätzliche Kabinenraum für mich ein entscheidendes Kaufargument, neben dem Umstand, daß die Spirit im Vergleich zur Winner oft etwas günstiger angeboten wird.

Schrankplatz ist bei Winner und Spirit, genau wie bei der Breehorn reichlich vorhanden und auch der Holzausbau ist sorgfältig ausgeführt. Winner und Breehorn haben je eine Backskkiste gegenüber der Achterkabine, die Spirit zwei Backskisten im Heck hinter und über den Kabinen. Bei der Winner sitzt in der Badeplattform eine Vertiefung für die Rettungsinsel. Breehorn und Spirit 36 haben ein glattes, geschlossenes Heck, während die Werft der Spirit 37 als Neuerung eine kleine Badeplattform spendiert hat.

Motorisiert ist die Breehorn häufig mit einem 32 PS Vetus Diesel, in der Winner findet sich nicht selten ein 27 PS Yanmar Aggregat und die Spirit wird im Standard von einem 29 PS Volvo D-30 angetrieben. Das ist für alle Modelle ausreichend, verführt aber nicht zu ausdauernden Motorfahrten (wer will das schon…). Bei älteren Spirit Modellen sollten Interessenten auf das Tankvolumen achten: Es gibt Modelle, die nur mit 35 Liter Tanks ausgestattet sind. Das ist dann doch etwas für vollkommene Segel Enthusiasten.

Unterschiede gibt es auch auf der Waage: Die Spirit ist mit 5,85 t ein Leichtgewicht, die Winner mißt 6,7t und die Breehorn stolze 7 t.

Für die letztliche Kaufentscheidung spielen neben den persönlichen Vorlieben auch die vorhanden Budgets sicher eine Rolle: Die Spirit bietet mehr Kabinen und liegt preislich oft etwas günstiger als Winner und Breehorn. Rumpf und Deck sind bei ihr üblicherweise in Belgien gefertigt worden, der Innenausbau teilweise auch in den Niederlanden. Breehorn und Winner gelten als Qualitätsboote auf Hallberg Rassy Niveau, ich habe kein einziges Boot in einem schlechten Pflegezustand gesehen. Besonders die Winner 11.20 war jahrelang mein persönlicher Favorit, die Breehorn ist etwas konservativer und wie ich finde, eher auf Langfahrt segelnde Paare ausgerichtet.

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