Ein Novembertörn

Im Spätherbst und Winter wird in unseren Breiten kaum gesegelt und zu Zeiten eines Corona Lockdown erst recht nicht.

Ich schreibe hier über den Überführungstörn einer Bavaria 34 im Spätherbst von Heiligenhafen in der Ostsee nach Lemmer im Ijsselmeer. Der Törn ist schon einige Jahre her, aber er ist mir als außergewöhnlich im Gedächtnis geblieben.

Überführungstörns waren in meinem Seglerleben immer etwas Besonderes: Der Alltag bestand aus wechselnden Charter- oder Segelschulcrews und es kam meistens darauf an die zwischenmenschliche Dynamik zu erkennen, verschiedene Wünsche unter einen Hut zu bringen und die Crew sicher durch Wenden und Halsen zu bringen und in die schönsten Häfen und Ankerplätze zu führen.

Überführungstörns funktionieren anders. Die Crew ist in der Regel klein und erfahren, Abfahrt-, Zielhafen und Route stehen fest. Die Reise verläuft oft außerhalb der Saison und das Wetter ist nicht selten schwierig. Dazu kommt dann gerne noch ein knapper Zeitplan. Es muß also schnell und sportlich gesegelt werden.

Wir waren zu zweit und reisten mit einem Mietwagen von Düsseldorf nach Heiligenhafen. Am Ende einer Sechs-Stunden-Fahrt erreichten wir ein grau trübes Ostseestädtchen, Läden und Bürgersteige hochgeklappt, der Hafen verwaist.

Unter Deck war es kalt und klamm, aber das Boot war in Ordnung. Eine Einweisung oder Übergabe gab es nicht – was unproblematisch war. Eine Charter Bavaria zu übernehmen war für mich nicht viel anders als sich in einen VW Golf zu setzen. Wir legten noch am späten Nachmittag ab und fuhren in die hereinbrechende Dämmerung. Es war typisches Novemberwetter: Die Luft diesig und kühl, ein Horizont kaum zu erkennen. Himmel und Meer verschwammen gegeneinander in verschiedenen Grautönen. Ungewöhnlich und für uns günstig war der Wind. Ein moderater Südost. Der Kurs von Heiligenhafen nach Kiel verläuft nahezu westwärts, wir zogen den vorhanden Blister (noch ein Glücksfall: Raumwindsegel sind auf Charteryachten eher selten zu finden) und fuhren unter einem sich aufklarenden Himmel in die sternenklare Nacht. 

Die Passage nach Kiel war ein wunderbarer Start: Kaum Welle, stetiger Wind von achtern und mit Crew Johannes ein Steuermann, der das Segeln auf Jollen gelernt hatte und das Boot unter Blister auch bei Dunkelheit perfekt aussteuern konnte. Bei zunehmendem Wind wetteiferten wir darum wie lange man den Blister stehen lassen könnte – wir schafften es bis zum Eingang der Kieler Förde. 

Dort wurde es dann aufregender. Obwohl es fast Mitternacht war, lief noch reichlich Schiffsverkehr. Der Wind wehte aus der Förde hinaus und wir mußten im Fahrwasser aufkreuzen. „Paßt das noch?“ – „Oh ja, das paßt“ – „Shit, dahinter kommt noch einer!“ – „Alles klar, wir gehen rum.“ Wir zickzackten uns durch den Schiffsverkehr. Die Bavaria hatte mit 1.90m einen vernünftigen Tiefgang und ließ sich trotz Rollsegeln auf der Kreuz gut steuern. Euphorisiert über den guten Start und doch müde belegten wir die Leinen im kleinen Yachthafen Kiel Holtenau, direkt neben der Eingangsschleuse zum Nord-Ostsee Kanal.

Der nächste Morgen brachte eine unangenehme Überraschung: Nebel mit Sicht unter 500m. Der Nord-Ostsee-Kanal ist eine der am meisten befahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt. Er verbindet über 100 km die Kieler Förde mit der Elbe und ist auch von großen Seeschiffen befahrbar. Ab einer bestimmten Schiffsgröße werden Schiffe im Konvoi exklusiv in einer Richtung durch den Kanal dirigiert. Entgegenkommer müssen in Verbreiterungen, den sogenannten „Weichen“ die Passage abwarten. Kurz gesagt: Keine Spielwiese für Wassersportler. Das Befahren für Sportboote ist nur bei Tageslicht und guter Sicht erlaubt. Wir mußten warten.

Ich wurde nervös. Johannes mußte am Abend die Heimreise antreten, ein Crewwechsel war für Rendsburg terminiert und verabredet. Das liegt mitten im Kanal.

Gegen Mittag setzte sich die Sonne endlich durch, der Nebel lichtete sich und wir durften in die gigantischen Schleusen einlaufen. Ein ganzer Yachthafen hätte in das Becken gepaßt in dem wir nun ganz alleine lagen.

Die anschließende Kanalfahrt verlief unspektakulär (richtig aufregend war es nur viele Jahre vorher auf meiner zweiten Kanaldurchquerung geworden: Auf der Rückkehr von der Ostsee in die Elbe mit meinem 50 Jahre alten 7m langen Spitzgatter überholte ein Containerfrachter und spülte seine Heckwelle in meinen Außenbordmotor, der augenblicklich den Dienst quittierte. Ein wohlmeinender Motorbootfahrer nahm mich auf den Haken, legte den Hebel auf den Tisch und bewies, dass Langkieler sehr wohl aus ihrem Wellensystem ausbrechen können. In dem sie nämlich fast senkrecht vor der eigenen Heckwelle stehen. Ich zitterte fünf Stunden um Boot und Leben und war dafür zwei Stunden vor meiner eigentlich geplanten Ankunft in Brunsbüttel). Wir erreichten Rendsburg mit einbrechender Dunkelheit, fuhren bis in die hinterste Ecke des Eidersees und genossen wieder einmal den Umstand das nahezu einzige Boot im Hafen beziehungsweise auf dem ganzen Eidersee zu sein. Außer uns lag nur ein stählernes Langfahrtboot an einem Seitensteg. Der Eidersee zweigt direkt vom Nord-Ostsee-Kanal ab und führt an einigen Werften vorbei direkt vor die Innenstadt von Rendsburg. Johannes bekam seine Zugverbindung nach Hause, ich eine Mütze Schlaf und am nächsten Tag mit Thomas eine neue Crew.

Das Wetter blieb kalt, aber trocken. Unter einem dicht bewölkten Himmel verließen wir den Nord-Ostsee-Kanal bei Brunsbüttel und segelten die Elbe flußabwärts. Ich weiß nicht mehr, ob wir in Cuxhaven Station machten oder direkt in die Nordsee weiter segelten. Der Wind hatte aufgefrischt und wir zogen bei Dunkelheit an den Ostfriesischen Inseln vorbei. Dick eingemummt stand ich am Ruder: Eine Lage Skiunterwäsche, dann eine Lage Faserpelz und obendrüber dickes Ölzeug; eine Mütze auf dem Kopf und Skihandschuhe an den Händen. „Wenigstens der Wind paßt“, dachte ich bei mir. Es blies immer noch aus Südost bis Süd. Zweifach gerefft – sofern man das bei Rollsegeln sagen kann – schoben wir mit 20-30 Grad Lage über eine glatte See mit 6-7 Knoten durch die Nacht. Ich war dankbar für den günstigen Wind, es hätte mit sechs Windstärken aus West leicht auch ganz anders kommen können. „In dem Fall mühsam an den Westfriesischen Inseln vorbeikreuzen, in Norderney aufwärmen und dann in die Ems. In Delfzijl rechts abbiegen und über die Stehende Mast Route quer durch friesische Binnenland“, brummelte ich vor mich hin.

Wir hatten uns vierstündige Wachen eingeteilt und so bekam ich nachts wenigstens etwas Schlaf. Groß Umziehen war eh nicht drin; ich stieg mit Skiunterwäsche und Faserpelz in meinen Schlafsack und legte mich auf die leewärtige Bank im Salon. Das war der beste Platz zum Schlafen und ich wäre bei Bedarf schnell draußen gewesen.

Nach vier Stunden Schlaf in den frühen Morgenstunden wieder Aufstehen war kein Vergnügen. Das war die kälteste Zeit des Tages, der Körper also ausgekühlt und in der ersten Nacht noch nicht an den Rhythmus der See gewöhnt. Mühsam quälte ich mich nach draußen. 

Der Wind hatte weiter zugenommen und ein bißchen auf Süd gedreht. Also zum Wachwechsel zwei weitere Wicklungen in die Segel. Weitere vier Stunden später dann ein spartanisches Frühstück und immerhin eine Tasse heißen Tee.  Tagsüber wechselten wir alle zwei Stunden, wer nicht am Ruder stand, konnte sich unter Deck aufwärmen. Bei 6-7 Windstärken lag das Boot ordentlich auf der Backe, lief aber immer noch flotte 6-7 Knoten und stampfte auch nicht in einer unangenehmen Nordseewelle. Der Wind blies direkt vom Land, das Wasser schaumig weiß, aber glatt. Außer uns war fast niemand draußen. Andere Segelboote waren überhaupt nicht zu sehen. Kein Wunder im November bei vier Grad Lufttemperatur und sieben Windstärken. Ein einzelner Fischer kam uns entgegen. Ich schaute zu ihm herüber, der geschützt in seinem Führerhäuschen stand und erwartete eigentlich keinerlei Reaktion. Das Gegenteil geschah: Der Mann am Ruder hob grüßend seine Hand und winkte herüber. Das war mir vorher noch nie passiert. „Oh“, dachte ich „jetzt sind wir wohl richtige Seeleute.“

Mit dem Wechsel der Tide wurden auch wir entweder langsamer oder schneller. Die Passage entlang Ameland zog sich über Stunden, während wir an Terschelling fast vorbei flogen. Das tat auch gut. Der zweite Tag ging zu Ende, wir würden den Hafen von Vlieland zum Abend erreichen.

Es wäre Thomas Ehre gewesen uns nach Vlieland einzusteuern, aber nach dem wir das zweite Tonnenpaar passiert hatten rief er mich nach oben: „Volkmar, Du mußt übernehmen. Ich sehe statt der Tonnen lauter Bäume.“ – „Alles klar“. Ich sprang nach oben.

„Der Mann gehört ins Bett“, dachte ich bei mir und so war es auch. Thomas schlief direkt ein und ich juckelte unser Boot in den Vlieländer Hafen, der auch mir dann eine lange ruhige Nacht brachte und uns beiden am nächsten Morgen eine unglaublich wohltuend heiße Dusche.

Den Vlieländer Hafen kannte ich aus dem Sommer als einen Ort voller Leben. Jeden Tag bis auf den letzten Platz belegt, oft so voll, daß es möglich gewesen wäre das Hafenbecken zu Fuß zu überqueren. Nun lagen hier eine Hand voll Boote und die sonst belebte Einkaufsstraße im Dorf war verwaist. Die Insel strahlte eine vollkommene Ruhe aus. Ich genoß diesen Zustand. Im Herbst kommt das Land zur Ruhe, Touristen sind nur noch selten zu sehen. Der Atem wird langsamer, überall läßt sich frei und tief Luft holen, das ganze Leben schaltet einen Gang zurück.

Zwei ruhige Tage später war unsere Reise in Lemmer zu Ende, wir saßen in einem gut geheizten Auto und genossen die Segnungen der Zivilisation.

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