Karibische Weihnacht

„Pffft“, ich öffne ein Auge und blinzele mühsam in die aufkommende Dämmerung. Das Licht draußen ist noch grau. Es ist sechs Uhr morgens. Ich schäle mich unter dem Bettlaken hervor und klettere leise den Niedergang hoch an Deck. Der Rest der Crew schläft noch tief und fest. „Pffft“, ich drehe mich um und versuche den Ursprung dieses Geräusches zu lokalisieren. Um mich herum ein Feld von Segelyachten. Es ist der erste Weihnachtstag, wir liegen in English Harbour auf Antigua. Eine von Felswänden umgebene Bucht, aus der die historische Bedeutung aus jeder Felsenritze trieft. Lord Nelson höchstselbst hatte hier mit der königlichen Flotte des Vereinigten Königreiches sein Hauptquartier. Nelson’s Dockyard ist eine interessante Mischung aus Museum und Partymeile. In den historischen Gebäuden und Kaianlagen stehen alte Kanonen und das historische Leben von Nelsons Segelschiffsmarine läßt sich bildhaft nachvollziehen. Dazwischen gibt es karibische Bars und Restaurants und wer es bis hierhin geschafft hat, nimmt gerne einen Drink oder gönnt sich gegrillte Seemuschel. 

„Pffft“, ich wende den Kopf und sehe wie sich eine Rückenfinne aus dem Wasser hebt und ein schlanker, grauer Körper abtaucht. Eine kleine Schule Delfine, drei oder vier Tiere, hat sich in die Ankerbucht verirrt. Fasziniert beobachte ich das Schauspiel. Immer wieder bläst ein Delfin mit einem kurzen „Pffft“ seine verbrauchte Atemluft aus den Nasenlöchern und taucht dann wieder ab. 

Außer dem Plätschern und Blasen der Tiere ist es vollkommen still in der Bucht. Es ist noch früh am morgen und die Crews liegen noch in den Kojen, betäubt vom Rumpunch Genuß am Vorabend. Weihnachten in der Karibik ist eine seltsame Mischung aus dem Versuch heimatliche Besinnlichkeit auf die Boote zu bringen und der ortsüblichen Geselligkeit, die so gar nicht zu weihnachtlicher Besinnlichkeit passen will. Viele Boote sind mit kleinen Plastiktannenbäumchen oder Christbaumschmuck geschmückt. In der ein- oder anderen Plicht steht ein Plastikschneemann am Ruder. Die Weihnachtsparty an Land am Vortag hatte allerdings mit Heiligabend nichts gemein. Die Stimmung war gut, es war ein fröhliches Beieinander und der Rumpunch floß wie Zuckerwasser durch die Kehlen. Wer Weihnachten in der Karibik verbringt, verzichtet auf den Besuch bei den Schwiegereltern oder Enkelkindern. Stattdessen trifft man sich mit Gleichgesinnten an der Bar, statt Kirchenchorälen gibt es Steelband Drums und Tanz an Stelle von Gebeten.

„Pffft“, ich wende mich wieder den Tieren zu, die gemächlich in der verbliebenen Einfahrtsgasse zwischen den Booten hin und her schwimmen. Neugierig tauchen sie mal hier und dort neben dem ein oder anderen Boot auf und wieder ab. Da außer mir niemand wach ist, bleiben sie jedoch unbemerkt.

Wir selbst sind erst die zweite Nacht hier und länger können wir auch nicht bleiben. Antigua ist der Wendepunkt unserer Reise und wir müssen wieder zurück nach St. Lucia. Die Ankunft am Abend vor zwei Tagen glich der Parkplatzsuche in einem Parkhaus zur Hocheinkaufszeit. Die Bucht war mit Ankerliegern voll belegt und wir kurvten eine halbe Stunde auf und ab, bis wir zum Schluß doch noch einen Flecken fanden, an dem wir unseren Anker ablegen konnten.

Die Überfahrt von Goudeloupe war rau gewesen. Der Passatwind wehte mit bis zu 30 Knoten und wir hatten uns mit drei Reffs in den Segeln durch eine hohe See hoch am Wind nach Antigua kämpfen müssen. „Was macht der da?“ Fasziniert beobachtete ich eine klassische Segelyacht, die luvwärts von uns ganz langsam vorbeizog. Während wir bei zunehmendem Wind gerade das dritte Reff ins Großsegel gesteckt hatten, tat unser Kontrahent das genaue Gegenteil. Am schlanken hölzernen Mast der klassischen weißen Holzketch wanderte ein zusätzliches Topsegel nach oben. Die wohl fünfzig Fuß messende Yacht legte sich ein wenig auf die Seite und zog uneinholbar davon. Auf meiner 39 Fuß Bavaria, die immerhin mit einem durchgelatteten Großsegel sportlich besegelt war, wurde ich grün vor Neid.

„Pffft“ – Langsam zeigt sich die Sonne über dem Felsgrat, es wird warm, der Rest der Crew kommt einer nach dem anderen aus den Kojen. Meine Delfine bemerken, dass das Leben auf den Booten in Bewegung kommt, und sie verziehen sich ganz langsam aus der Bucht.

Wir selbst blinzeln in die Morgensonne, schütteln den Alkohol aus den Knochen, ziehen den Anker und richten unseren Bug gen Guadeloupe, das fast fünzig Meilen südwärts liegt. Ein stürmischer Passat erwartet uns.

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